Truck mit Barriere

Technik von Vorgestern (?!)

Innotruck des BMVI mit Treppe als Barriere

Mal eben so den Innotruck besuchen? Jedenfalls nicht als Besucher*in mit Mobilitätseinschränkung.

Offensichtlich macht Innovation am bloßen Zugang eine Pause. LKW’s im Güterverkehr haben eine automatische Hebebühne. Ganz klar. Niemand käme auf die Idee, die Waren händisch rein und rauszuschleppen. Das wird im Innotruck des Forschungsministeriums (BMBF) offensichtlich anders gesehen.

Und das hier bitte auf der Zunge zergehen lassen: Wegen hoher Covid-19 Gefahr dürften die Mitarbeitenden nicht helfen, den Rollstuhl die übersteilen Rampen hochzuschieben.

Ein offener Schriftwechsel.

12.9.2020 – Schreiben ans BMBF

Sehr geehrte Damen und Herren,

vorgestern wollte ich im vor dem Cittipark in Kiel stehenden “Innotruck” die Ausstellung über “Technik und Ideen von morgen” ansehen.

Leider war das aber nicht möglich.

Sie fragen sich, wie das sein kann? Ganz einfach: Ich bin Rollstuhlfahrerin. Als solche stand ich vor einer Klapptreppe mit 6 sehr steilen Stufen. Der Truck mit der zukunftsträchtigen Information ist nämlich leider offensichtlich mit der Denkweise und dem technischen Verstand von gestern konzipiert worden. Zumindest, was den inzwischen gesellschaftlich anerkannten Inklusionsgedanken betrifft.

Die beiden – übrigens sehr freundlichen! – Herren, die mich wohl durch die Ausstellung geführt hätten, wenn ich Fußgängerin wäre, teilten mir bedauernd mit, dass es normalerweise zwei Schienen gäbe, die angelegt würden für Rollstuhlfahrer*innen. Da diese dann nicht alleine befahren werden könnten und beim Schieben der Abstand nicht gewahrt werden könne, seien sie derzeit Corona-bedingt aber nicht mit an Bord. Ich könne die Ausstellung also diesmal leider nicht besuchen. Auf meine Frage, wie lang diese Schienen denn seien, hieß es “so ungefähr 3 m.”

Dazu ist zu sagen, dass eine Rampe nach DIN 18 040 eine Steigung von < 6% haben sollte. Ab 8% Steigung wird es gefährlich, denn die Rollstühle fangen dann an, nach hinten zu kippen. Wenn man bei dem “Innotruck” mal von einer Stufenhöhe von ca. 12 cm ausgeht (ich habe die Stufen leider nicht gemessen, aber das ist eher zu niedrig gegriffen; siehe angehängtes Foto), dann ergibt das bei 6 Stufen eine Höhendifferenz von 72 cm, die überbrückt werden muss. Ein angemessene Rampe müsste also eine Länge von 12 m haben, wenn man Ausruhpodeste mal wegläßt. (6% Steigung bedeutet: 6 cm Höhe entspricht 100 cm Rampenlänge). Eine Rampe von 3 m Länge entspricht aber bei 72 cm einer Steigung von 24 % – das ist nur unter größten Anstrengungen überhaupt machbar, allerdings sehr gefährlich, besonders bei lose angelegten Schienen. Mit schweren Elektrorollstühlen ist es unmöglich, solche Steigungen zu bewältigen.

Es macht mich einigermaßen fassungslos, wie ein Truck – und dann noch mit diesem Thema!!- in heutiger Zeit von einem Bundesministerium so ausgestattet auf die Reise geschickt werden kann. Schon im Jahre 2008 war der damalige Nanotruck, der auf demselben Grundmodell basierte, nicht barrierefrei, was auch bemängelt wurde. Seit Inkrafttreten der UN-BRK im Jahre 2009 sollten solche Diskriminerungen in diesem Rahmen und in diesem Maßstab doch nicht mehr vorkommen. Meines Wissens wird der Truck auch vor Schulen eingesetzt und zur allgemeinen Bildung. Was wird da für ein Beispiel gesetzt??

Das Motto “Technik und Ideen von morgen” sollte doch vielleicht dazu führen, dass man sich mal Gedanken macht, wie solche Formate für alle Menschen zugänglich gemacht werden können. Eine 12 m lange Rampe zum Anlegen ist natürlich unrealistisch, weshalb eine innovative Lösung mit Hubrampe eher sinnvoll wäre. Immerhin ist ein normaler Truck, also LKW, ja durchaus häufig und selbstverständlich mit einer hydraulischen Hubrampe ausgestattet zum Be- und Entladen. Das ist die Technik von heute. Stattdessen wurde Inklusion hier wieder einmal offensichtlich nicht mitgedacht. Als Ergebnis sehen wir die Technik von gestern… Wo bitte bleibt die Innovation?

Im Anhang füge ich eine Kolumne bei, die ich im Jahre 2013 für die “Gesundheit im Norden” geschrieben hatte. Da geht es auch schon um dieses Thema.

Zeitungsausschnitt

Kolumne “Neulich im Rollstuhl” von 2013 – Gleiches Thema, keine Verbesserung

 

Der optimistische Ausblick, mit dem ich damals die Kolumne enden ließ, hat sich leider als völlig haltlos erwiesen. Es wurde nichts geändert, und die Ausgrenzung von mobilitätseingeschränkten Menschen wird unhinterfragt weiterhin in Kauf genommen – 11 Jahre nach Inkrafttreten der UN-BRK! In dieser ist ausdrücklich festgeschrieben, dass Menschen mit Behinderungen der Zugang zu allen kulturellen Einrichtugnen sowie zur Bildung ermöglicht werden muss und dass die Vertragsstaaten sich dazu verpflichten, darauf hinzuwirken, dass dies umgesetzt wird (Art. 24 und 30).

Ich fordere das Bundesministeriun für Bildung und Forschung hiermit auf, endlich diesem gesellschaftlichen Auftrag gerecht zu werden!

Mit freundlichen Grüßen

Gerda Behrends

Diese Mail schicke ich zur Kenntnis auch an

den Bundesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen, Herrn Jürgen Dusel,

den Landesbeauftragen für Menschen mit Behinderungen Herrn Dr. Uli Hase,

die Antidiskriminierungsstelle des Bundes,

sowie an

24.9.2020 Die Antwort des BMVI

Sehr geehrte Frau Behrends,

herzlichen Dank für Ihre E-Mail vom 12.09.2020 und dem damit verbundenen Hinweis auf die eingeschränkte Barrierefreiheit des InnoTrucks. Die dabei entstandenen Unannehmlichkeiten bitte ich zu entschuldigen.

Corona-bedingt hat auch der Tourbetrieb des InnoTrucks in den letzten Wochen und Monaten sehr gelitten und war zeitweise sogar gänzlich eingestellt worden. Seit Ende letzten Monats ist auf Grundlage eines erarbeiteten Sicherheits- und Hygienekonzepts nun schrittweise und kontrolliert die Wiederaufnahme des Betriebs eingeleitet worden. Unter Berücksichtigung der damit verbundenen Einschränkungen steht der InnoTruck derzeit für unangemeldete Personen/Gruppen im Rahmen des Formats „Offene Tür“ nicht zur Verfügung. Dies wird sich natürlich wieder ändern, sobald es die Umstände wieder zulassen.

Leider mussten wir feststellen, dass die Rampen, die den Zugang zum InnoTruck auch für mobilitätseingeschränkte Menschen sicherstellen, an diesem Tag nicht mitgeführt wurden. Ich sichere Ihnen zu, dass künftig auf das Mitführen der Rampen stets geachtet wird. Der InnoTruck ist im Übrigen im Inneren zum Erreichen des Obergeschosses mit einem Treppenlift ausgestattet.

Wir nehmen Ihre Erfahrung zum Anlass, die Optimierung der Barrierefreiheit des InnoTrucks gemeinsam mit einem Beauftragten für Menschen mit Behinderung weiter voranzutreiben. So sollen zunächst weitere Verbesserungspotenziale sichtbar gemacht und entsprechende Maßnahmen abgeleitet werden.

Als Bundesministerium für Bildung und Forschung teilen wir Ihr Engagement, im Sinne der Inklusion jegliche Arten von Barrieren im Rahmen des Möglichen abzubauen. Ich danke Ihnen abschließend nochmals für die Sensibilisierung dieses Themas im Zusammenhang mit dem InnoTruck.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag

Gleicher Tag – eine erneute Eingabe auf die nicht zufriedenstellende Reaktion des Forschungsministeriums

Danke für Ihre Antwort auf meine Mail vom 12.9.2020.

Ich möchte noch einmal klarstellen, dass die Anlege-Rampen von ca. 3 m Länge für die Überbrückung eines solchen Höhenunterschiedes absolut nicht geeignet sind, sondern eher lebensgefährlich.

Es hilft also wenig, wenn sie mitgeführt werden. Wie schon in meiner Mail ausgeführt, kann ein Elektrorollstuhl solche Steigungen weder bewältigen noch kann er da hoch geschoben werden, und das gilt im Prinzip auch für andere Rollstühle.

Der Treppenlift im Inneren ist gut für Menschen, die noch laufen können und nur bei längeren Strecken oder bei Treppen Probleme haben. (Auch sie dürften aber Schwiergikeiten beim Überwinden der Eingangstreppe haben). Für “echte” Rollstuhlfahrer*innen sind solche Treppenlifte nur sehr bedingt von Nutzen, denn oben angekommen, fehlt ja der Rollstuhl…

Ich begrüße, dass Sie mit einem Beauftragten für Menschen mit Behinderungen zusammen eine Verbesserung anstreben. Ein kleiner Tipp dazu: am besten suchen Sie sich mehrere “Expert*innen in eigener Sache” mit unterschiedlichen Behinderungen, um eine möglichst umfassende Barrierefreiheit zu diskutieren und zu erreichen.

Gerne können Sie in dem Zusammenhang auch auf den “Runden Tisch nBarrierefreiheit Schleswig-Holstein” zukommen, den ich organisiere und leite, oder sich an die Bundesfachstelle für Barrierefreiheit wenden (https://www.bundesfachstelle-barrierefreiheit.de).

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und hoffe, in Zukunft die Technologie des 21. Jahrhunderts angemessen eingesetzt zu sehen!

Mit freundlichen Grüßen
Gerda Behrends

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Comments

  1. Radzinowski Jens says

    Inklusion dauert noch. Leider wird es noch sehr lange dauern, bis in allen Köpfen die Inklusion drin ist. Der Anfang ist gemacht, aber mehr auch nicht. Wer nicht selber betroffen ist oder jemanden im nahen Umfeld hat, der macht sich keine Gedanken darüber, was es heißt mit einem Rollstuhl zu fahren. Jeden Tag, im täglichen Leben, fallen mir so viele Dinge auf die inklusiv gedacht anders gemacht werden müssten,wie zB. ein falsch geparkten Auto vor einer abgesenkten Überwegung, dass es unmöglich macht diese zu benutzen und das kommt oft vor. Wir haben viel zu tun die Inklusion in die Köpfe zu kriegen.

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