Rollstuhl runter vom Eis

Eislaufvergnügen an der Kaikante - aber bitte nur vom Rand. Ein Erfahrungsbericht

(Symbolfoto)

Kiel, Sonntag 7.1.2018, gegen 15:00 Uhr am Nachmittag

Schlittschuhe an und rauf auf die Eisbahn! Eisfestival in Kiel.

Die Kinder sind schon drauf. Ich hinterher.

Eine kleine Stufe überwinden für mich als Vater mit Rollstuhl und dann bin auch ich auf dem Eis. Ich strecke dem Mitarbeiter meine Hand aus mit der Bitte mir beim Heraufkommen aufs Eis zu helfen. Doch der wiegelt ab. Rollstuhlfahrer dürfen nicht. Natürlich, sage ich. Ich war im letzten Jahr auch drauf. Und nun möge er mir helfen. Das tut er schließlich auch.

Doch nach einigen friedlichen Runden mit den jungen Kindern auf dem Eis stürmt dann ein aufgeregter Eisbahnmanager auf mich zu. Rollstühle nicht erlaubt. Sicherheitsrisiko! Steht alles in den Hausregeln. Aufs Eis darf man nur mit Kufen, aber ohne sonstige Hilfsmittel.

Aha. Denke ich mir. Was im letzten Jahr ging, soll also nicht für dieses Jahr gelten. Plötzlich Gerangel auf der Eisbahn mit Besuchern. Ich soll vom Eis. Ich gehe nicht vom Eis – schon gar nicht ohne meine Kinder. Es gibt Gegensprecher: Sie gefährden mit Ihrem Rollstuhl andere Gäste, folgen Sie den Anweisungen.  Und eine freundliche, mir nicht bekannte Fürsprecherin: Der Mann fährt mit seinen Kindern hier ganz ruhig Schlittschuh und stellt keine Gefahr dar. Aber nichts zu machen.

Man versucht mich vom Eis zu schieben. Ich widersetze mich. Sage, man solle die Polizei rufen. Schließlich kann ich mich losmachen. Drehe noch eine Runde mit den Kindern. Versuche den Kindern die Situation zu erkläre und dass ich jetzt von der Eisbahn runter müßte. Sie wollen nicht alleine bleiben. Sie sind geschockt.

Auf dem Weg zur Bistrotheke wird uns noch ein “Sie haben Hausverbot!” zugeworfen.

An der Eistheke sammeln wir uns. Die Kinder wollen kein Eis. Zu aufgeregt. Aber ich möchte eines und reihe mich in die Warteschlange ein. Der Manager erscheint. Dieses Mal mit einer Entschuldigung im Gepäck. Er hätte mit dem Chef gesprochen. Rollstuhlfahrer seien in der Tat auf dem Eis nicht erlaubt. Es gibt aber eine Ausnahme, und die sei ich.

Irritation auf meiner Seite. Natürlich auch Erleichterung. Können wir doch nun unser Eisvergnügen nach einem mehr als holprigen Start fortsetzen. Allerdings bleibt ein schaler Nachgeschmack: Ich darf (warum nur?) und alle anderen nicht.

Der Betreiber hat eine schriftliche Anfrage erhalten mit Bitte um Klärung und der Aufforderung, die Eisbahn für alle freizugeben.

Fortsetzung folgt.

Update 9.1.2018
Der Betreiber hat sich gemeldet. Er schreibt erfreuliches:

Deutschlandweit baut die interevent GmbH weit über 30 Eisbahnen und selbstverständlich ist bei uns jeder Besucher – ob mit oder ohne Behinderung – stets willkommen.

Nochmals bitten wir Sie in aller Form um Entschuldigung und möchten klarstellen, dass eine solche Situation in der über 20-jährigen Firmengeschichte noch nie vorgekommen ist und auch – das versichere ich Ihnen persönlich, denn es ist mir eine Herzensangelegenheit – nie wieder vorkommen wird.

Der Betreiber kündigte an, alle Mitarbeiter erneut auf dieses Thema der Barrierefreiheit anzusprechen. Auch wird er nun auf der Unternehmenswebsite ausdrücklich auf die Willkommenskultur für ALLE hinweisen. Das finden wir super!

P.S. Es geht inklusiv. Hier ein Bildschirmfoto aus der Eissporthalle Hamm, in dem Rollstuhlfahrer willkommen sind:

Mit Rollstuhl auf die Eisbahn

P.P.S. Die Polizei erscheint. Doch freundlicherweise kann der Bahnmanager die Situation klären und hält sie davon ab, mich auf der Eisbahn aufzusuchen.

P.P.P.S. Vielen Dank an David Lebuser, der das Thema auf Facebook teilt und diskutiert:

 

Credits Titelfoto: by Marc Ruaix on Unsplash

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Kommentare

  1. Bevor ich auf die Eisbahn gerollt bin, habe ich einfach nachgefragt, ob das möglich ist. Der Betreiber kontrollierte daraufhin meine Räder auf Sauberkeit und schon konnte es los gehen. Alles ganz ohne Probleme!
    Kai

  2. .Es ist erstaunlich, wie viele Menschen ohne Behinderung unsere Sicherheit im Blick haben. Der Inhaber eines Fittnesstudio verweigerte mir die Mitgliedschaft, weil es für blinde Menschen zu gefährlich sei, und man mir keinen Betreuer zur Seite stellen kann. Nachdem dieser sich durch hartnäckige Lernresistenz ausgezeichnet hat, habe ich entschieden mein Geld in einer anderen Einrichtung zu lassen.

  3. Vielleicht ist man sich nicht darüber bewusst, dass Rollstühle auch auf dem Eis unterwegs sein können. Nicht immer denken Betreiber an alle Eventualitäten. Man ist dann immer ganz dankbar, wenn man darauf hingewiesen wird.

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