Kiel.Lauf inklusiv – Offener Brief an OB Kämpfer

Sehr  geehrter Herr Oberbürgermeister,

was für ein gutes Gefühl auf einen rundum tollen Kiel.Lauf 2017 zurückblicken zu  können! Mehr als zehntausend Läuferinnen und Läufer. Tausende, die die Straße säumten und den Aktiven zujubelten oder sie an diesem spätsommerlichen Tag mit Wasser und Früchten versorgten. Ein wohliges Bad in der Menge. Dazu alles friedlich.

Ich liebe den Kiel.Lauf! Und ja – ich als Nutzer eines Rollstuhls war auch mit dabei. Ich habe mich trotz offiziellen Ausschlusses in Wort und Tat (die Davengo Datenbank des Kiel.Laufs wurde aktiv nach meinem Namen durchsucht, zwei Läufe identifiziert, meine Startbestätigung gelöscht und meine Anmeldegebühren erstattet) natürlich nicht aufhalten lassen.

Ich war am Start. Zwar inoffiziell, ohne Teilnehmernummer und ohne gültigen Laufschein, aber mit viel Lust und einer Prise Wut. Zivilen Ungehorsam praktizierend.  Während des Laufens begleitete mich dann auch mehr als einmal Rosa Parks. Jene mutige Frau, die sich im rassistischen Amerika geltendem Recht widersetzte und sich weigerte, den Platz für einen weißen Fahrgast zu räumen. Zugegeben, wir haben es hier nicht mit Rassismus zu tun, aber mit massiver Ausgrenzung. Rosa Parks Einsatz war natürlich ungleich höher als meiner. Prügel oder Pein muss ich nicht fürchten, höchstens den Unmut von Herrn Ziplinsky und vielleicht eine Anzeige wegen unerlaubter Teilnahme. Aber abhalten wollte ich mich durch eine Regelung, die ich als zutiefst ungerecht, diskriminierend und unzeitgemäß empfinde, dann wiederum auch nicht.

Ich war übrigens der einzige Rollstuhlfahrer. Alle anderen, die ich in den vorigen Jahren noch gesehen und getroffen habe, waren nicht mehr dabei. Die haben Herr Ziplinsky und seine Unterstützer – darunter auch Sie, Herr Dr. Kämpfer – offensichtlich sehr erfolgreich von der Teilnahme abgehalten.

Ob ich Ihnen hierzu aus vollem Herzen gratulieren kann? Jetzt, da die Straßen für Kiels Läuferwelt sicher gemacht wurden vor vermeintlich unberechenbaren, in jedem Fall die Sicherheit bedrohenden Läuferinnen und Läufer mit Rollstuhl?

Rückblick – Nur um auf einem gemeinsamen Stand zu sein: Seit Jahren schon nehmen Rollstuhlfahrer inmitten des Starterfeldes am Kiel.Lauf teil. Wie selbstverständlich und höchst inklusiv. Bis zum offiziellen Ausschluss haben sich Rollstuhlfahrer – wie man es auch erwarten darf – umsichtig verhalten. Es ist zu keinen mir bekannten Zwischenfällen oder gar Unfällen gekommen. Ich selbst habe drei Mal teilgenommen: 2010, 2016 und jetzt 2017. Alles lief rund.

Der Stein des Anstoßes? Durch Zufall treffe ich in den AGB des Kiel.Laufs im Frühjahr 2016 auf die wichtigen Zeilen: Zippels betrachtet den Rollstuhl als Hilfsmittel und will Rollstuhlfahrer beim Lauf nicht dabei haben. Ich bin überrascht und denke mir, dass passt nicht mehr in unsere Zeit, die nicht zuletzt vom politischen Willen geprägt ist, die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen – die Deutschland vor zehn Jahren unterzeichnet hat – umzusetzen und sie mit Leben zu füllen. Seit langer Zeit mache ich mich für Menschen mit Behinderung stark. Auch im Beirat für Menschen mit Behinderung der Stadt Kiel. Deswegen habe ich Zippels auf den Passus aufmerksam gemacht und Inklusion gefordert. Doch die Reaktion: Weitgehende Verständnislosigkeit und schließlich der Ausschluss. Warum? Eine Antwort bleibt er uns schuldig. „Irgendwas mit Sicherheit“ kursiert als Begründung.

Fakt ist: Herr Ziplinsky verschleppt Gesprächsrunden mit dem Beirat für Menschen mit Behinderung und verweigert sich dem persönlichen Dialog.

Vorschau – Und was hält die Zukunft für laufwillige Rollstuhlfahrer bereit? Wird der Kiel.Lauf 2018 wieder inklusiv? Wohl kaum. Wenn wir nicht aktiv werden, entstehen weiterhin unbedachte Lösungsszenarien auf dem Reißbrett, die am eigentlichen Bedürfnis voll vorbeigehen. Zippels schwebt ein Extralauf für Rollstuhlfahrer in speziellen Rennrollstühlen vor. Thema verfehlt, finden wir. Zwar auch eine Idee, über die nachgedacht werden könnte. Es ist aber momentan nicht das, wofür wir kämpfen.

Was wir wollen? Mit unseren Alltagsrollstühlen beim Volkslauf dabei sein und einfach teilnehmen. Wie seit eh und je. Aber jetzt offiziell. Mit Einladung und ohne Gefahr, herausgefischt zu werden oder gar das Eintrittsgeld zurückzubekommen.

Kiel.Lauf mit Fahrrad und Rollstuhl – Wie ist es zu erklären, dass auf der einen Seite Läuferinnen und Läufer mit Hilfsmittel wie einem Rollstuhl nicht teilnehmen dürfen und sogar aktiv ausgeladen werden, auf der anderen Seite aber mehr als eine Auge zugedrückt wird, zum Beispiel bei Läufern mit Kinder Buggies, Nordic Walkern oder Läufern, die sich mit dem Fahrrad begleiten lassen? Eigentlich ist es doch gut, dass vielen Bedürfnissen und Lebensumständen Rechnung getragen wird – zum Beispiel auch denen unseres jungen Ministerpräsidenten Daniel Günther, der sich auf seiner Strecke in diesem Jahr von einem Begleiter mit Fahrrad schützen ließ. Warum heißt der Lauf mit den meisten Teilnehmern denn Volkslauf? Doch nicht zuletzt auch, um den breitensportlichen Charakter des Laufes herauszustellen. Richtig: Der Lauf ist für uns alle da – auch für Rollstuhlfahrer.

Kiel inklusiv – Herr Dr. Kämpfer, ich fordere Sie erneut auf, sich mit großem Nachdruck dafür einzusetzen, dass der Kiel.Lauf im nächsten Jahr wieder inklusiv wird. 2018 ist ein besonderes Jahr für die Landeshauptstadt. Dann nämlich wird Kiel zum Austragungsort der Special Olympics mit rund 4000 Athletinnen und Athleten mit Behinderung. Eine gute Gelegenheit für Sie, ein positives und inklusives Zeichen zu setzen!

Und noch eine Bitte: Wir wissen alle, dass Herr Ziplinsky mit dem Kiel.Lauf für viele Sportler und ihre Familien einen überragend guten Job macht. Bitte machen Sie sich dafür stark, eine nachhaltige Gesprächsrunde zu initiieren, so dass auch Sportler mit Behinderung wieder mit dabei sein können.

Grüße inklusive,

Kay Macquarrie

Inklusio Kiel